Freitag in Pordenone: Clowns, Masterclass, Korsika und eine Anklage

Der Freitag startet mit dem Film ‘Ein Mädel und drei Clowns’ (GB/D, 1928) – ein Stück passend zum Thema häusliche Gewalt im Zirkusumfeld. Eine netter Film mit zu erwartendem Ende – Sie bekommt Ihn und der Bösewicht die Strafe. Ich fragte mich nur warum die Mutter in der Geschichte ihren Mann verlies und die Tochter bei ihm zurücklies. Ok, ohne die damalige Flucht könnte die Tochter Jahre später nicht die Geschichte auslösen die die Basis des Filmes bildet. Begleitet wurde der Film von Günter Buchwald.

Die darauf folgende Masterclass leitet erneut Gabriel Thibaudeau, als Gast hat er eine Bühnendirektorin mit der er etwas über Themenstränge und Dramatik reden will (was er dann aber kaum dazu kommt). Er verrät nochmal einige Tricks aus seiner Trickkiste, zum Beispiel wie Züge klingen (und dabei kurz auf eine Diskussion über die unterschiedlichen Klänge britischer und amerikanischer Züge hinzuweisen). Die ebenfalls anwesende Maud Nelissen (Dirigentin der Eröffnungsveranstaltung) zeigte wie Pferde in der Nacht auf dem Klavier gespielt werden können.

Danach wurden wieder Auszüge aus Filmen gezeigt. Die gleichen Szenen wurden nacheinander von den beiden Masterclass-Musikern begleitet, anschließend spielte Gabriel Thibaudeau die DVD mit der von ihm erzeugten Vertonung ab. Dabei gab es interessante Parallelen, aber auch massive Unterschiede der Vertonungen. Es wurde nochmal darauf hingewiesen, das es keine falsche Begleitung gibt, nur unterschiedliche Interpretationen. Donald Sosin stellte noch eine weitere Idee zu einer Szene vor, meinte aber, dazu muss man vorher schon ein Motiv einführen. Thibaudeau grinste nur und spielte sein Motiv dieser Szene vor.

Am Nachmittag folgen wieder einige Detektivgeschichten in der Sherlock-Reihe, gefolgt von einem britischen Film (’The Wheels of Chance’), den man jederzeit als Werbefilm zum Fahrrad fahren einsetzen könnte. Die zwei Themenstränge eines jungen Stoffverkäuferassistenten der mit dem Rad in den Urlaub fährt und einer jungen Dame die ebenfalls mit dem Rad der heimatlichen Enge, finden zusammen als der Junge ihr seine Hilfe anbietet sie gemeinsam durch die Gegend radeln.

Nach dem britischen Film kommt ein fast zweistündiger französischer Film, der auf Korsika spielt. In ‘L’Île Enchantée’ stoßen der edelmütige Korse und Naturbursche (zwar ein Mörder, aber nur der Tradition gehorchend und auch immer wieder zeigend was für ein guter Mensch er ist und ganz nebenbei auch Arzt) auf die fortschrittliche Ingenieurin die in Korsika versucht ein Kraftwerk zu bauen. So verschieden die Grundhaltungen sind, sie finden doch zusammen – und doch wieder nicht. Viel Drama, gute Musik von Cyrus Gabriysch – aber muss das so lange sein?

Nach dem französischen Film graute mir schon vor dem Abendfilm. ‘J’Accuse’ dauert 192 Minuten – über drei Stunden. Und das Thema 1. Weltkrieg und dessen Grausamkeit versprach jetzt nicht eine bequeme Veranstaltung. Trotz der über drei Stunden und einer nicht unbedingt flotten Handlung – der Film fließt eher gemächlich mit 16 Bildern/Sekunde – fand ich den Film allerdings nicht langatmig. Die Bilder faszinierten und die Musik von Stephen Horn (Piano/Flöte) untermalten den Film wunderbar. Ich langweilte mich im Gegensatz zum Vorfilm nicht.

Die Kopie zu J’Accuse wurde vom niederländischen Filmmuseum neu restauriert und hier in Pordenone erstmals international aufgeführt. Danach geht er weiter und es besteht die gute Chance, das der Film demnächst auf weiteren Festivals gezeigt wird. Absolut sehenswert, aber man darf keine leichte Unterhaltung erwarten.

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